nachtlichter
  Ungereimtheiten und Zusammengereimtes
 
 

 

 
  Siebenzeit


    Filigrane Fäden

    verweben

    die Kühle der Nacht

    mit der erwachenden Sonne

    Tautropfen glitzern im Gras

    bevor sie in der Kuh verschwinden

    Über dem Fluss wallen Nebel

    und die Sonnenstunden gehen zur Neige

    Ich werde Sommersprossen pflücken

    und sie zwischen den Seiten

    dicker Schmöker konservieren

    Zu gegebener Zeit

    verziere ich mit ihnen

    meine novemberblasse Nase

    Es ist Zeit zum Sieben:

    Belanglose Routine

    und eintöniger Regen

    fallen durch das Raster.

    Hängen bleiben

    Herbstmond, Tagundnachtgleiche

    Morgenglut in kalter Luft

    Kastanienbraun glänzende Früchte eines Sommers

    von flinken Eichhörnchen geschält

    Ofenwarme Apfelkuchen

    und der Duft

    der immer wiederkehrenden Vergänglichkeit

 

    © rv    21. September 2007

 





      Verschaukelt


    Ich hängematt im Garten rum

    und schwinge zwischen Bäumen

    Umgeben bin ich von Gebrumm

    versunken tief in Träumen

    Hautnah spür ich deine Lust

    Du streichelst sanft mein Sehnen

    Mein Ohr schmiegt sich an deine Brust

    und hört dich lauthals gähnen

    Empört erwach ich, aus der Traum

    Ich schimpf dich Ignoranten

    Frech grinsend lehnst du müd am Baum

    Ich mag dich so Verkannten



        rv 27. Juli 2007






   Hinter'm Hof

    Mitten in Mitte
    brüllt das Leben haupt und stattlich.
    Es verkehrt mit verschiedensten Mitteln
    hupend, stinkend, halsbrecherisch.
    Man kaufberauscht sich dumm und dämlich.
    Schussbereite Touristen halten Maulaffen feil
    und lassen sich Berliner Luft in Tüten andrehen.
    Hier redet man lauthals Tacheles
    Klaxophonie, Kakophonie, Telephonie.

    Vier Höfe hinter der Oranienburger
    zwitschert die Luft zwischen alten Bauten.
    Dort, wo sich der morsche Pflaumenbaum
    und das verrostete Fahrrad gegenseitig stützen,
    gedeihen Tomaten und spielende Kinder
    und zahnlose Greise wiederholen ihre Geschichten
    aus der guten alten Zeit.
    Nese und Rosalia gestikulieren Kochrezepte,
    während sie von Waltrauds Käsekuchen naschen.
    Sperling Samuel aus Friedrichshain klaut die Krümel.
    Und im Schatten neben der Fahrradreparatur
    grinst ein sattes Baby
    im Traum unter dem Moskitonetz


    [rv 22. Juli 2007]


 






ein Bild
 
Libellentürkis
über dem Wasserspiegel
die Sonne versinkt
[rv, 24. Juni 2006]

 

 

 

rad wege

 

sommer regen tropfen kühlen erhitzte braune haut
schwerer blüten duft liegt auf der straße herum
ich werde ihn aufheben
und halte dem wild prasselnden gewitter schau er! mein lächeln als spiegel vor die nase
die speichen drehen sich schneller
übermütig verwandele ich wachsende pfützen in spritzende fontänen
ziehe die füße an und fahre achten, um kein wasser loch zu verpassen
bis meine helle leinen hose laut nach clementines altbackener für sorge schreit
und mein grün-heißt-gehen-leuchtendes shirt total betropft ist
kaum noch ein trockener faden kleidet mich,
als die office frisur sich endgültig für heute verabschiedet.
Blitz Licht!!!
verewigt dieses bild in meiner seele
mein lachen übertönt den muffig grollenden donner
[rv, Juni 2006]

 

 

 


Kaffee ohne Keks

 

Kleiner Keks aus Holland
begleitet große Milchkaffeetasse
Milchschaum knistert
Zucker rieselt
Löffel rührt
Keks wartet
Zigarette wird zu Asche
Tüte bleibt zu.

Kaffee verschwindet Schluck für Schluck
Schaum schnurrt Bart
bedeckt Tassenwände.
Hellbrauner Zucker setzt sich,
klebt am Boden, trocknet.
'Gleich', denkt sich Keks, 'gleich bin ich alle'.
Magen knurrt, Augen reißen Tüte auf.
Doch kein Kekskrümel bröselt unter Tasse.

Kaffeekasse klimpert,
Spülmaschine verschluckt gierig Geschirr
Keks rechnet mit dem Schlimmsten und landet unsanft...
in einer Hosentasche, fährt Fahrrad und freut sich.
Tütchen bleibt zu, wird nochmals verpackt.
Plumps, harte Landung im Briefkasten.
Lange Reise im Dunkeln nach Nirgendwo.

Viel weiter südlich endlich Licht –
Keks rutscht aus Umschlag, wird von fröhlichem Lachen empfangen
und von grünen Augenblicken zärtlich gestreichelt.
Glückliche Kekskarriere.

 

 

 

 

 

heute abend in frankfurt, am main...

I.

blühensonnen

blumenstrahlen

kinderaugenlichter


dergroßstadtleuchten

erhellendunklestraßen

bahnklingeltlaut



loseblicketreffen

müdegesichter

punkt.



II.
blühen sonnenblumen
strahlen kinderaugen
lichter der großstadt leuchten
erhellen dunkles
straßenbahn klingelt
lautlose blicke treffen müde gesichter
punkt.



 


 

Sternenstaub

Beschleunigte Teilchen auf ihrem Weg durch Raum und Zeit

Unendlichkeit
im Fegefeuer eines untergehenden Sterns
Verglühen...
und dennoch bleibt etwas,
bewegt sich im Fluss.
Winzige Zeitreisende im Universum
bewahren die Erinnerungen an Vergangenes in sich.
Hin und wieder finden sie andere winzige Partikel,
sammeln und verdichten sich zu Materie,
zu einem neuen Stern,
der hell im Universum strahlt,
bis irgendwann auch seine Zeit
vorbei ist und er vergeht
weil seine Energie erlischt oder er explodiert
und Abermillionen Teilchen ins All schleudert
jedes für sich allein
auf seinem Weg zu neuen Zielen
oder auch im Nichts umherirrend,
um von einem schwarzen Loch verschlungen zu werden.
Das Universum fügt immer wieder Teilchen zusammen.
Sie bilden Ruß auf der Fensterbank oder aber
Goldkörnchen zwischen Kieselsteinen im reißenden Fluss.
Und manchmal findet ein Teilchen ein ihm seit Urzeiten
vertrautes Stückchen Materie.
Sie verbinden sich innig miteinander,
so dass ihre beiden Seelen Hand in Hand
ein Stück des Weges durch Raum und Zeit
gemeinsam wandern können
 
[rv; Mai 2004]
 

 

 

 

Abandonado

 
Kleiner Hund
ausgesetzt.
Mit einem Strick angebunden
damit er nicht nachläuft
Lästig war er, zuviel
obwohl er kaum etwas verlangte
nur ein bisschen Nahrung und Aufmerksamkeit.
Große flehende braune Augen
mustern die Passanten, die vorüberhasten,
sein Blick folgt ihnen voller Hoffnung,
dass er bald wieder abgeholt wird und nach Hause kann
und nicht mehr allein und zitternd
im Regen stehen muss.
Die Zeit vergeht
immer weniger Menschen kommen vorbei.
Dennoch – ab und zu eine Spur des Erkennens,
zaghaftes Wedeln,
er springt auf, will nachsehen
und wird jäh vom Strick zurückgerissen.
Schwanz und Ohren lässt er resigniert hängen,
Regen tropft aus seinem struppigen Fell.
Der kleine Hund winselt verzweifelt, sehnt sich nach Wärme,
doch niemand gehört zu ihm, keiner nimmt ihn mit.
Er ist allein
an einen Pflock gefesselt
auch ohne den Strick
würde er hier ausharren
und warten
warten
warten ...
 
[rv; April 2006]
 
 
 


Interim

 

Nicht mehr zu Hause verwurzelt
aber auch noch nicht woanders angekommen.
Familiäre Bande lockern sich,
flattern.
Schwebezustand
kein Halt,
aber auch kein Halten mehr.
Die ersten zaghaften Schritte sind gegangen,
es gibt kein Zurück
und kein Verharren, denn das wäre Stagnation
und die erstickt mich.
Ich muss meinen Weg allein gehen.
Hoffnung führt mich,
aber da sind weder Netz noch doppelter Boden,
die meine Unsicherheit auffangen können,
wenn ich strauchele und Angst habe, tief zu fallen.
Ich suche die Weiche, die mich auf das richtige Gleis führt,
möchte nicht auf dem Abstellgleis landen,
sondern meinen Weg in einen erfüllte und schöne Zukunft finden.
[Dezember 2005 -> Frankfurt/mein :-) ]
 

 

 

 

 

Sonrisa

 

Die von mir empfundene Uhrzeit liegt bei 3:00 Uhr morgens,
müde vor mich hin gähnend
stapfe ich mit einem schlecht gelaunten Hund durch den Regen,
während meine Seele noch behaglich kuschelnd träumt,
um sich dem kühlen grauen Naß zu entziehen.
Und doch
leuchtet ein Lächeln tief in mir drin,
wärmt und erhellt mich,
findet den Weg in mein Gesicht
und läßt die Augen strahlen .
Zum Frühstück soll ich mal eben auf die Schnelle
eine mißratene Mathearbeit verdauen
und dieses Schmachwerk dann auch noch unterschreiben;
ich denke an die gefährdete Versetzung meines faulen Filius
und muß mit ihm schimpfen,
was schwerfällt -
denn
ein Lächeln
setzt sich auf meine mahnenden Worte
und zieht frech die Mundwinkel nach oben.
Schon wieder viel zu spät
stellt sich mein Auto ganz hinten im Stau an,
graugesichtige Frankfurter auf dem Weg zur Arbeit
verstopfen die Hügelstraße.
Der pakistanische Zeitungsmann auf der großen Kreuzung
bietet im Abgasmief einen Selbstmordanschlag in Israel feil.
Mein Autoradio warnt vor SARS im Flugzeug.
Trotzdem läßt
ein Lächeln
Musik in mir erklingen
und zeichnet die harte Wirklichkeit weich.
Viel zu tun, wenig Lust,
traurige Patientenschicksale,
Krankheit und Tod vor Augen.
Einsamkeit und Trauer der letzten Wochen haben ihre Spuren hinterlassen.
Dennoch
bahnt sich das warme Lächeln seinen Weg zielstrebig durch die Dunkelheit
hilft mir,
anstatt depressiv verstimmt alles nur schwarz zu sehen,
die bunten Farben des Frühlings wahrzunehmen,
ihn zu riechen, auf den Singsang der Vögel zu hören
und mich von der Fröhlichkeit der in den Bäumen hüpfenden Eichhörnchen anstecken zu lassen.
Ich freue mich.

 

[rv 30. April 2003]
 
 
 
 


 
 

kleine blume hoffnung

für Michi

Geknickt liegst Du kleine Blume mit dem Gesicht nach unten im Gras. Tränen glitzern wie Tautropfen in der Sonne, deren Licht Du nicht mehr sehen möchtest. Du wendest Dich der Dunkelheit zu und hüllst Dich in ein schweres Gewand aus Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Schmerz hat Dich überwältigt, lähmt Dich; tot ; ein lieber Freund hat aufgehört zu blühen, seine Lebenskraft ist für immer versiegt. Unfaßbar, unwiderruflich, unbarmherzig... Alles erscheint Dir sinnlos.

Das jähe Ende seines Lebens zeigt Dir Deine eigene Vergänglichkeit. Alle Blumen sind unbedeutend klein, wir alle blühen nur kurze Zeit und manche von uns vergehen leider schon lange vor dem Welken. Sie zeigen den anderen Blumen damit, daß sie im Hier und Jetzt leben und ihre ganze Energie und Lebensfreude in die Blüte legen müssen. Es liegt nun an uns trauernden Blumen, das zu verwirklichen, was Michi versagt blieb; unsere ganze Kraft in das Leben und in die Liebe zu investieren.

Richte Dich wieder auf, kleine traurige Blume; gib den anderen Blumen Hoffnung, sag ihnen, daß Michi wollte, daß wir für ihn weiterleben. Seine leblose Hülle ist noch da; wohin ist seine Seele gegangen? Vielleicht singt sie als kleiner frecher Vogel ein Lied gegen die Traurigkeit, flattert als wunderschöner bunter Schmetterling kreuz und quer durch die Luft, weht als frischer Wind über die Wiesen...

Ich hab das Gefühl, daß Michi uns lieb zulächelt, bei uns ist und uns nicht allein läßt.

Regina

Ostern 2003

 

 

Trümmerhaufen

Schon während des Aufbaus

ist das neue Haus eingestürzt

es hatte kein Fundament;

denn einer mauerte,

so daß Putz bröckelte

und Mörtel, der Zusammenhalt versprach,

sich in Wohlgefallen auflöste.

Stein für Stein verschüttet nun

Glaube, Hoffnung, Liebe....

 

[rv 3. Feb. 2003]

 

Solange

 

Solange auch nur das winzigste Fünkchen Hoffnung besteht,

werde ich auf den Windhauch warten, der es entfacht...

Solange noch das kleinste Lächeln seinen Weg in mein Gesicht findet,

werde ich es zulassen und nicht in meiner Traurigkeit untergehen

Solange auch nur die geringste Chance besteht, daß morgen ein besserer Tag wird als dieser, möchte ich das Heute aufrecht überstehen

Solange liebe Worte von Freunden meine wunde Seele erreichen,

werde ich mich von ihnen trösten lassen

Solange Leben weh tut,

spür ich noch was und bin nicht tot

Solange mich auch nur ein Mensch oder nur ein Tier braucht,

bin ich wichtig und halte durch.

Solange ich noch an mich glaube und an die Liebe in mir

will ich leben...

 

[rv 14. Juli 2002]

 

 

 
 

 

Roofs covered with rime outside

 

Inside a fictional cold hand clinches my heart

 

Banishes the blood so that

 

It is beating slowly

 

Frozen feelings

 

Longing for the sun to melt the ice

 

Up to which degree will my heart be resistant to the cold?

 

I am shivering and breathing a white cloud

 

Imagining my feelings are looking for a mirror

 

I apply my breath on it

 

Thus producing rime

 

In which I paint the warm trace of my wishes

 

Burning tears leaving my soul, form icicles

 

They are sharp weapons to defend my heart

 

To prevent the pain which could be caused by strong feelings

 

Nevertheless the sun is shining through the lucid ice

 

Giving me light and hope to ease my pain and fears

 

And confidence to believe in my imagination.

 

 

 

 

[rv, never-ending winter 2005]