nachtlichter
  Sehnsucht
 


Imagina, tief

Schlafend

sehe ich dich vor mir.

Alle Glieder entspannt

ein angedeutetes Lächeln

umspielt deine Züge

zum Greifen nah

mein Wunsch

mich an dich zu schmiegen

in deinem Traum

mitzuspielen

den Schläfer

behutsam zu wecken

um wieder dort anzufangen

wo wir aufgehört haben

unerhört zärtlich zunächst

dann leidenschaftlich

fordernd

wild

hemmungslos

dem Gipfel entgegen

bevor uns der Schlaf

glücklich erschöpft

sachte umarmt.

Warmes Kerzenlicht

flackert noch durch meinen Sinn.

Verglimmt.

Ich schlafe allein

und hüte

diesen Traum.

[rv, 16. Mai 2009]

 


ein Bild


Introspektiv
 
In harten Zeiten
richtet sich der Blick unbemerkt
nach innen.
Hinter der Fassade sind die Gedanken frei.
Sie blättern
zum Klang von leisen Tönen
im Fotoalbum.
Kieselsteine rasseln
auf ihrem Rückweg
in türkisblaue Weite.
Sonnenstrahlen liebkosen lichthungrige Haut.
Durch die Finger rinnt Sand
und sehr viel Zeit.
Warmes Orange zeigt sich
hinter geschlossenen Lidern.
Von fern blökt Frieden.
 
[rv 11. Juli 2007]
 

 

 

 

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ein Bild

 


 

"Cien años de soledades"

 

 

 

Hundert Jahre Einsamkeit in einer einzigen Nacht -

Panikgespenster auf der Bettkante, kalte Füße gruseln sich.

Müde Augen scheuen das zerfledderte Buch.

Keine Autotür schlägt – kein Mensch kommt nach Haus.

Kein Hund bellt mehr leise

schleichenden Katzen nach.

Die Vögel bleiben noch stundenlang stumm.

Nichts lenkt ab vom leisen Ticken der Uhr,

vom zähen Tropfen der Zeit,

sonst zu knapp, jetzt im Überfluß...

Unendlich müde möchte ich sein,

endlich schlafen dürfen, ins Vergessen abtauchen,

nicht mehr spüren müssen:

Die Arme, in die ich genommen werden möchte,

sind nicht da.

 
© rv 25. August 2002 (2.34 Uhr), überarbeitet am 9. Okt. 2006



obdachlos

 


keiner zu hause

 

in mir drin

 

bin auf der flucht

 

vor mir selbst

 

ohne festen wohnsitz

 

obdachlose seele

 

außer sich ist

 

wer nicht in sich selber ruht

 

sondern entwurzelt neben sich steht

 

woanders unterschlupf suchende

 

finden sich dort auch nicht

 

bin auf trebe

 

ziehe ziellos umher

möchte ankommen

 

und weiß selbst nicht wo

[rv; 15. Juni 2004]


 

 

29. August, zwischen zwei und vier

Nachts um halb drei
werfen meine Ängste und Sorgen die längsten Schatten,
ihre Dunkelheit und Kälte lassen mich erschauern,
rauben mir den Schlaf

Frostige Fingersilhouetten
schreiben Horrorszenarien in mein Bewusstsein,
weben authentische Hirngespinste,
die mich in meinen Träumen fesseln und knebeln
Schlaf macht wehrlos,
darum spiele ich hellwach die Opferrolle
des drittklassigen Thrillers, der in meinem Kopfkino läuft

Unbekümmert will ich sein wie ein kleines Kind,
das sich gut aufgehoben fühlt und unbefangen einschläft
in der Gewissheit, dass alles in Ordnung ist
Geborgenheit, hülle mich ein, halte mich warm!

Und wenn nie wieder alles gut wird
ändert es auch nichts,
Angst und Schrecken vorwegzunehmen
Wenn ich mich den Schatten stelle,
sie beleuchte, werden sie klein,
dann relativieren sie sich,
so wie morgen früh, wenn ich in der Sonne Fahrrad fahre.

Meine Muskeln entspannen sich nach und nach
der Atem wird ruhiger
im Kopfkino flackert warmes Kerzenlicht

Ich vertraue dir meine Seele an
verkauf sie nicht, Schlaf.


 

Zündfunke

 

Es geht mir gut
ich habe Arbeit
und eine schöne Wohnung
einen klugen Sohn
und einen lieben Hund
Mein Leben ist geregelt, wie es sich gehört

Und doch tickt in mir eine Zeitbombe,
verschafft sich immer deutlicher Gehör:
Unaufhaltsam zerrinnt meine Lebenszeit
ich habe immer öfter Geburtstag
und ständig ist Weihnachten
Der graue Alltag staubt mich zu
bis ich ersticke
Müde ist es, dieses Leben
Überdruss lähmt mich
Vernunft und Disziplin passen auf mich auf
und bringen mich gleichzeitig um.

Ich will das Leben wieder spüren
und mich nicht mehr aus Angst vor Schmerz
in einem Kokon verstecken

Leben, lass mich wieder mitspielen,
fordere mich heraus,
gib mir den Impuls,
ziehe den Zünder!

© rv 27. August 2006

 


 

Kraniche


Tiefe Sehnsucht klingt aus ihrem Rufen
ich halte inne, um zum Himmel hoch zu seh'n.
Gedankenverloren setz ich mich auf graue Stufen
und lasse meine Gefühle frei, gen Süden weh'n.

Ein Wind kommt auf, lässt bunte Blätter fliegen
obwohl ich zittere, wird es mir ganz warm.
Ich träum' davon, mich in Geborgenheit zu wiegen
in meiner Phantasie nimmst du mich in den Arm.

Die Eins am Horizont zieht bedächtig weiter.
Die Sonne ist weg, Melancholie breitet sich aus.
Meine unerfüllten Wünsche sind ihre Begleiter.
Mir ist kalt. Allein gehe ich zurück ins Haus.

 

© rv 9. Juli 2006

 

 

 

 


ein Bild

 

Kalter Rauch

 

Kalter Rauch
hängt über dem Tisch

Ich umarme das Kissen
dein Duft gaukelt mir Nähe vor

In meiner Asche lodert Glut

 

© rv 20. August 2006

 

 

 

Sehnsucht hab ich auch

nach Wärme und Geborgenheit an im Eis erstarrten Tagen
nach Farben und Licht im Trott des grauen Alltags
nach befreiendem Lachen dem lähmenden Ernst zum Trotz
nach einem lieben Lächeln, das durch den dichten Tränenschleier dringt
nach einer innigen Umarmung, bevor der Strom mich weiterreißt
nach Seelenverwandtschaft in Zeiten der Einsamkeit und Zwietracht.